{"id":644,"date":"2021-04-14T11:46:03","date_gmt":"2021-04-14T09:46:03","guid":{"rendered":"https:\/\/thuenengesellschaft.h18566.web142.dogado.net\/?page_id=644"},"modified":"2021-11-14T20:15:42","modified_gmt":"2021-11-14T19:15:42","slug":"portraet","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.thuenen.info\/?page_id=644","title":{"rendered":"Portr\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach dem Abschluss der Hohen Schule in Jever und einer dreij\u00e4hrigen Lehre in der Landwirtschaft besuchte Th\u00fcnen 1802 das von Lucas Andreas STAUDINGER (1770\u20131842) 1797 auf dem Gutsbesitz des Frhr. Caspar von Voght (1752\u20131839) in Gro\u00df Flottbek bei Hamburg gegr\u00fcndete landwirtschaftliche Erziehungsinstitut. 1803 verbrachte er ein halbes Jahr in der landwirtschaftlichen Lehranstalt des damals f\u00fchrenden deutschen Agrarwissenschaftlers Albrecht Daniel THAER (1752\u20131828) in Celle. Anschlie\u00dfend schrieb er sich an der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen ein, wo er u. a. agrar- und naturwissenschaftliche, veterin\u00e4rmedizinische sowie kameralistische Vorlesungen h\u00f6rte und die national\u00f6konomischen Lehren Adam SMITHs aufnahm. Nach zwei Semestern brach er das Studium ab, um zu heiraten und Landwirt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"505\" src=\"https:\/\/thuenengesellschaft.h18566.web142.dogado.net\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/web-Zeichnung_Silvia-Werner.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1217\" srcset=\"https:\/\/www.thuenen.info\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/web-Zeichnung_Silvia-Werner.jpg 800w, https:\/\/www.thuenen.info\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/web-Zeichnung_Silvia-Werner-300x189.jpg 300w, https:\/\/www.thuenen.info\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/web-Zeichnung_Silvia-Werner-768x485.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption>Zeichnung des Th\u00fcnenguts von Silvia Werner<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als sich die Bewirtschaftung eines 1806 gepachteten Gutes als Fehlschlag erwies, kaufte Th\u00fcnen 1809 das 465 ha gro\u00dfe Lehngut Tellow im ritterschaftlichen Amt G\u00fcstrow. Er machte daraus einen Musterbetrieb, indem er systematisch agrartechnische und -wirtschaftliche Neuerungen aufgriff (z. B.&nbsp;die Minerald\u00fcngung) oder selbst entwickelte (z. B.&nbsp;den Hakenpflug) sowie alle betrieblichen Daten \u00fcber Jahre akribisch erhob, in einem Rechenwerk festhielt und auswertete (Transkription: E. Gerhardt,&nbsp;T.s Tellower Buchf\u00fchrung, 2&nbsp;Bde., 1964). Intensiv tauschte er sich mit Familienmitgliedern, Gutsnachbarn und Fachleuten aus und publizierte \u00fcber 40 Beitr\u00e4ge allein in den \u201eNeuen Annalen der Mecklenburgischen Landwirthschafts-Gesellschaft\u201c mit dem Ziel, einer \u201erationellen\u201c, empirisch wie theoretisch fundierten Landwirtschaft zum Durchbruch zu verhelfen, den Produzenten damit ihr Auskommen zu sichern und den Lebensstandard der Bev\u00f6lkerung zu heben. Um hierf\u00fcr Rahmenbedingungen zu schaffen, unterbreitete er Vorschl\u00e4ge wie die Einf\u00fchrung eines effizienteren und gerechteren Steuersystems, die Reduzierung von Staatsschulden durch Privatisierung \u00f6ffentlicher Verm\u00f6gen, die Einf\u00fchrung eines Hypothekar-Kreditsystems im Agrarsektor, den kreditfinanzierten Ausbau der Verkehrswege, die F\u00f6rderung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung an den Schulen oder die Etablierung der \u00d6konomik als Universit\u00e4tswissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>T.&nbsp;wurde in seinen sozialreformerischen Absichten stark beeinflusst durch&nbsp;Lorenz&nbsp;v.&nbsp;STEINs (1815\u201390) Studie \u201eDer Socialismus und Communismus des heutigen Frankreichs\u201c (1842). F\u00fcrchtend, die Revolution k\u00f6nnte auf Deutschland \u00fcbergreifen, forderte&nbsp;T., Staat und Gesellschaft grundlegend zu reformieren und&nbsp;v. a.&nbsp;die Vorrechte der \u201eGeld- und Geburtsaristokratie\u201c, der er selbst nicht angeh\u00f6rte, abzuschaffen. Im Geiste Kants und Hegels glaubte er an die \u201eVervollkommnung des Menschengeschlechts\u201c durch aufkl\u00e4rende Vernunft, b\u00fcrgerliche Emanzipation und moralische Erziehung. Politisch forderte er die Einheit Deutschlands in einem Bundesstaat mit konstitutiver Monarchie und parlamentarischer Volksvertretung, gab jedoch 1848 aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden sein Mandat f\u00fcr die Frankfurter Nationalversammlung zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem wissenschaftlichen Hauptwerk \u201eDer isolirte Staat in Beziehung auf Landwirthschaft und National\u00f6konomie\u201c (3&nbsp;T., 1826\u201363), dessen Grundgedanken er schon 1803 in einer Schularbeit formuliert hatte, behandelte er (agrar)\u00f6konomische Probleme mit zwei Methoden, die seitdem zu den Standardwerkzeugen der Forschung geh\u00f6ren, dem Konzept der isolierenden Abstraktion und dem Marginalprinzip.&nbsp;T.&nbsp;entwickelte ein Modell, in dem eine isolierte Stadt als zentraler Markt konzentrisch von den Erzeugern verschiedener Agrarprodukte umgeben ist (\u201eTh\u00fcnensche Ringe\u201c). Deren Entfernung zum Absatzmarkt und Preise bestimmen sich durch eine Reihe m\u00f6glichst realit\u00e4tsnah gew\u00e4hlter Faktoren (etwa Kuppelproduktion, Transportkosten, Verderblichkeit der Waren) in Verbindung mit einem Modell, das die Komplexit\u00e4t \u00f6konomischer Zusammenh\u00e4nge reduziert (gleiche Fruchtbarkeit des Bodens, gleicher Reallohn u.a.). Damit  gab&nbsp;T.&nbsp;sowohl der Standort- und Raumwirtschaftslehre als auch der Wirtschaftsgeographie wichtige Impulse. Eine ebensolche Pionierleistung gelang ihm, indem er zur Optimierung der Umschlagszeit der Waldnutzung herausstellte, dass diese bei knapper Fl\u00e4che an der Maximierung des Bodenrenten  auszurichten sei. Um die Bedingungen optimaler wirtschaftlicher Entscheidungen exakt angeben zu k\u00f6nnen, betrachtete er unendlich kleine (marginale) \u00c4nderungen (Grenzwerte) funktional miteinander verbundener quantitativer Gr\u00f6\u00dfen, was die Anwendung der Infinitesimalrechnung erm\u00f6glichte. Dies bew\u00e4hrte sich auch bei dem Versuch, ein allgemeines Gesetz f\u00fcr die funktionelle Verteilung der Einkommen in einer Volkswirtschaft zu finden, das sich von der klassischen Theorie unterschied, weil es symmetrisch f\u00fcr alle Leistungseinkommen gelten sollte (Grenzproduktivit\u00e4tstheorie). Voraussetzungen zur Erzielung eines h\u00f6heren Einkommens der Landarbeiter waren nach&nbsp;T.&nbsp;v. a.&nbsp;Freiz\u00fcgigkeit, ungebundenes Grundeigentum, eine begrenzte Kinderzahl und Bildung von Eigenkapital durch Sparen. F\u00fcr einen derart \u201enaturgem\u00e4\u00dfen Lohn\u201c leitete&nbsp;T.&nbsp;eine Formel ab:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"219\" height=\"89\" src=\"https:\/\/thuenengesellschaft.h18566.web142.dogado.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lohnformel.png\" alt=\"Lohnformel\" class=\"wp-image-947\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>(a = Subsistenzlohn, p = Durchschnittsproduktivit\u00e4t der Arbeit).&nbsp;T.&nbsp;selbst beteiligte seine Arbeiter an den Gutseinnahmen und verabredete mit 14 anderen Gutsbesitzern und P\u00e4chtern, die materielle Lage der Tagel\u00f6hner zu verbessern (\u201eRoggower Protokoll\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wenige Zeitgenossen erkannten, wie originell und wegweisend\u00a0T.\u00a0dachte. Dies \u00e4nderte sich erst nach seinem Tod mit dem Aufkommen der neoklassischen Grenzproduktivit\u00e4ts- und Grenznutzen-Schulen ab Ende des 19.\u00a0Jh.\u00a0bis Anfang des 21. Jahrhunderts, wie z.B. die neueren Beitr\u00e4ge des amerikanischen Nobelpreistr\u00e4gers Samuelson 1983, 2006 und 2008\/9 belegen.\u00a0Inzwischen gilt\u00a0T.\u00a0weltweit als einer der bedeutendsten \u00d6konomen mit bleibenden Leistungen. Davon zeugen\u00a0u. a.\u00a0das Schrifttum und viele Einrichtungen, die seinen Namen tragen.\u00a0T.s Erbe wird gepflegt von eigens gegr\u00fcndeten Gesellschaften in Deutschland, Japan und den USA, dem Museum auf seinem als Ensemble erhaltenen Gut in Tellow sowie Archiven in Rostock (seit 1901\/02) und Hohenheim (seit 1960). Au\u00dfer seinem wirtschaftstheoretischen Werk wurde um die Jahrtausendwende vermehrt auch sein sozialphilosophisches und politisches Denken rezipiert (vor allem durch W.W. Engelhardt).<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Rieter, Heinz, &#8222;Th\u00fcnen, Heinrich&#8220; in: Neue <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.deutsche-biographie.de\/sfz10918.html\" target=\"_blank\">Deutsche Biographie &#8211; Th\u00fcnen, Heinrich (deutsche-biographie.de)<\/a>  Band 26 (2016) S.208-211. <\/p>\n\n\n\n<p>Nellinger, Ludwig, &#8222;<strong><a rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/ideas.repec.org\/h\/elg\/eechap\/13936_23.html\">Johann Heinrich von Th\u00fcnen (1783\u20131850)<\/a><\/strong>,&#8220; in: Gilbert Faccarello &amp; Heinz D. Kurz (ed.),&nbsp;<a href=\"https:\/\/ideas.repec.org\/b\/elg\/eebook\/13936.html\">Handbook on the History of Economic Analysis Volume I<\/a> (2016), chapter 23, pp 157-163.  Edward Elgar Publishing.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Abschluss der Hohen Schule in Jever und einer dreij\u00e4hrigen Lehre in der Landwirtschaft besuchte Th\u00fcnen 1802 das von Lucas Andreas STAUDINGER (1770\u20131842) 1797 auf dem Gutsbesitz des Frhr. 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